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Ein Koffer voller Dokumente

Ein Koffer voller Dokumente. Mein Familienarchiv zwischen Provenienzforschung
und künstlerischer Praxis

Ein Gastbeitrag von Lea Petermann

Ein alter Koffer voller Dokumente: Enteignungsbescheide, Schriftwechsel mit Behörden, Anträge auf Entschädigung. Er enthält Unterlagen zur Enteignung und Zwangsversteigerung des Besitzes meiner Ur‑Großelter, zu ihrer Verfolgung, Flucht, ihrer Rückkehr nach Deutschland sowie zu ihrem jahrzehntelangen Kampf um finanzielle Entschädigung. Der Koffer wurde in meiner Familie über Generationen weitergegeben und stand lange für eine Geschichte, die zwar präsent war, aber kaum erzählt werden konnte.

Foto Privatbesitz

Meine Ur‑Großeltern lebten mit ihren drei Kindern in Köln‑Marienburg und betrieben bis zu ihrer Enteignung eine Kunsthonigfabrik. 1939 wurde ihr Besitz zwangsversteigert. Nach der Flucht kehrten sie 1948 nach Deutschland zurück. Alles, was sie sich aufgebaut hatten, war zerstört. Über zwanzig Jahre kämpften sie um Entschädigungszahlungen, von denen sie bis zu ihrem Tod lebten. Die Suche nach den persönlichen Gegenständen aus ihrem Haus – Möbeln, Gemälden, Büchern und Familienerinnerungen – blieb erfolglos. Bis heute konnte nichts davon wiedergefunden werden.

Der Koffer steht exemplarisch für viele familiäre Archive, in denen sich
Verfolgungsgeschichte, Verlust und jahrzehntelanges Schweigen materialisieren. Zugleich verweist er auf ein Privileg der Überlieferung: Dass diese Dokumente erhalten geblieben sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Familien verfügen heute über gar keine oder nur sehr wenige materielle Zeugnisse ihrer Geschichte.

Wie in zahlreichen Familien von Überlebenden wurde auch bei uns kaum über das Leben vor der Verfolgung gesprochen; die Vergangenheit blieb dennoch präsent – als schmerzhafte Leerstelle einer nicht erzählten Geschichte. Neben meinen Ur‑Großeltern versuchten auch andere Familienmitglieder diesen Verlust aufzuarbeiten. Auch meine Mutter begann zu recherchieren, stieß jedoch schnell an Grenzen. Archive waren nicht digital zugänglich, Recherchen zeit‑ und kostenintensiv, der materielle Wert der gesuchten Objekte zu gering, um eine systematische Suche zu ermöglichen.

Als der Koffer schließlich bei mir landete, verband sich mit ihm die Hoffnung auf Antworten. Ich begann, mich intensiver mit den Dokumenten zu beschäftigen – auf der Suche nach den verlorenen Gegenständen, vor allem aber nach den ausgelöschten Geschichten meiner Familie, mittlerweile in der vierten Generation. Viele dieser Objekte könnten bis heute existieren: in Kellern, auf Dachböden, in Sammlungen oder Museen, versehen mit neuen Provenienzen, in denen meine Familie nicht vorkommt.

Ein Wendepunkt ergab sich im Jahr 2020. Inzwischen unterstützte das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste auch Privatpersonen bei der Suche nach NS‑verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut, unabhängig vom materiellen Wert der Objekte. Aus einer ersten Anfrage entwickelte sich ein einjähriges Forschungsprojekt der Koordinationsstelle für Provenienzforschung in Nordrhein‑Westfalen, die die Verfolgungsgeschichte meiner Familie, ihre Enteignung sowie die Entschädigungsverfahren untersuchte.

Der Koffer mit den familiären Unterlagen wurde damit vom privaten Erinnerungsobjekt zu einem Forschungsgegenstand. Die Provenienzforscherinnen werteten Dokumente aus, recherchierten in Archiven und führten neue und alte Quellen zusammen. Der Fokus lag nicht nur auf der Identifikation und möglichen Lokalisierung einzelner Objekte, sondern auch auf den Strukturen und Personenkreisen, die von Enteignung und „Verwertung“ profitierten. Zu unserem Familienarchiv kamen zahlreiche neue Dokumente hinzu, die es ermöglichten, biografische Brüche, Netzwerke und Zusammenhänge genauer zu rekonstruieren.

Durch die Recherchen wurden Geschichten wieder erzählbar, über die zuvor kaum gesprochen wurde. Bilder erhielten Namen, biografische Zusammenhänge wurden sichtbar, und Teile des enteigneten Besitzes konnten zumindest dokumentarisch erfasst werden. Gleichzeitig bleibt vieles fragmentarisch oder endgültig verloren.

Die Ergebnisse der Provenienzforschung erweiterten das Familienarchiv erheblich, machten zugleich aber auch seine Grenzen sichtbar. Nicht alle Verluste ließen sich rekonstruieren, nicht alle Brüche schließen. In diesem Spannungsfeld zwischen Rekonstruktion und Leerstelle entwickelte sich meine künstlerische Praxis als Form der Auseinandersetzung mit dem Familienarchiv.

Seit 2022 forsche ich künstlerisch zu meiner Familiengeschichte im Kontext von Shoah und Nationalsozialismus und übersetze diese Rechercheprozesse in unterschiedliche Formate. Ausgangspunkt ist eine wuchernde, schwarze Skulptur aus gebrauchten Kleidungsstücken, die ich seit Beginn der Recherche häkle und kontinuierlich erweitere. Die Skulptur wächst parallel zum Erkenntnisprozess und zeigt diesen in textilem Material. Sie steht für eine Form der Aufarbeitung, die nicht linear verläuft, sondern sich verdichtet, verschiebt und überlagert.

Ergänzend dazu führe ich eine persönliche Datenbank, in die ich fortlaufend Informationen aus Archivrecherchen, Dokumenten und Gesprächen einpflege. Die Datenbank visualisiert diese Informationen in Form von Graphen, die Beziehungen, Brüche und Leerstellen sichtbar machen. In meiner zeichnerischen Arbeit übertrage ich diese Graphen in mehreren Schichten übereinander, bis sie zu einer diffusen Wolke werden. Die Überlagerung verweigert Eindeutigkeit und macht zugleich die Komplexität, Fragmentierung und Unabschließbarkeit von Erinnerung sichtbar.

Während die Provenienzforschung darauf zielt, Objekte, Wege und
Besitzverhältnisse möglichst präzise zu rekonstruieren, arbeite ich in meiner künstlerischen Praxis mit dem, was sich dieser Rekonstruktion entzieht. Ich thematisiere das Fortwirken von Verlust, die Präsenz von Leerstellen und die Frage, wie diese auch nach Jahrzehnten noch gefüllt werden können. Von der Provenienzforschung wird das Familienarchiv historisch ausgewertet, ich überführe es in eine gegenwärtige künstlerische Forschungspraxis.

Zu den konkreten Wirkungen des Forschungsprojekts gehört auch die erneute Verortung der Familiengeschichte im Stadtraum. Das Haus in Köln‑Marienburg, in dem meine Ur‑Großeltern bis zu ihrer Flucht lebten, konnte identifiziert werden. Dort erinnern heute Stolpersteine an mehrere Mitglieder meiner Familie. Zur Verlegung kamen Nachfahren aus verschiedenen Ländern zusammen – viele von ihnen sahen diesen Ort zum ersten Mal. Das Projekt generierte nicht nur Wissen, sondern stiftete auch Beziehungen und führte eine über Ländergrenzen hinweg verstreute Familie zusammen.

Stolpersteine vor dem Haus der Familie
Foto: KPF.NRW

Für meine Familie ist dieser Prozess nicht abgeschlossen. Vieles wird sich nicht mehr rekonstruieren lassen, bis jetzt konnten die Objekte nicht gefunden werden. Aber durch die Provenienzforschung ist die Geschichte wieder erzählbarer geworden – als private Erinnerung, und als Teil einer größeren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der Shoah ihren langfristigen Folgen und der andauernden Aufarbeitung.

Zur Autorin

Lea Petermann ist Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin. In ihrer forschungsbasierten künstlerischen Praxis arbeitet sie zu ihrer jüdischen und nicht-jüdischen Familiengeschichte im Kontext von Nationalsozialismus und Shoah. Sie ist Nachfahrin der Familie, zu deren Verfolgungs- und Enteignungsgeschichte die KPF.NRW in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste ein Provenienzforschungsprojekt durchgeführt hat. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim sowie Freie Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In ihrer Arbeit verbindet sie historische Recherche, künstlerische Praxis und Vermittlung.

Mehr zu ihrer Arbeit unter:
Familienrecherche – Lea Petermann

 

Für ihre künstlerische Arbeit zur Familiengeschichte wurde sie von der Stiftung Kunstfonds gefördert

https://www.kunstfonds.de/
https://www.kunstfonds.de/

 

 

https://kulturstaatsminister.de/
https://kulturstaatsminister.de/


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
redaktiontk (21. August 2026). Ein Koffer voller Dokumente. KPF.blog. Abgerufen am 4. September 2026 von https://kpfblog.hypotheses.org/1248


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