Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us
Kategorien
#Allgemein #Forschung

Von Büchern und ihren Besitzern: Exlibris als Quelle für Provenienzforschung

Das Internationale Exlibris-Zentrum Mönchengladbach über seinen Bestand

Die KPF.NRW besuchte im September 2023 das Internationale Exlibris Zentrum in Mönchengladbach. Daniel Theveßen führte in die Bestände ein und gab einen Einblick in Quellen, die für dieses spezielle Sammlungsgebiet relevant sind. Warum das Internationale Exlibris Zentrum für die Provenienzforschung eine wesentliche Quelle ist, hat er für uns in einem Gastbeitrag zusammengefasst. 

Daniel Theveßen ist seit 2015 in der Stadtbibliothek Mönchengladbach beschäftigt. Dort ist er verantwortlich für die historischen Sammlungen der Institution und leitet das Internationale Exlibris-Zentrum Mönchengladbach. Er studierte Geschichte, Politik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und schloss sein Magister-Studium 2007 erfolgreich ab. Von 2020 bis 2022 absolvierte er ein zusätzliches Masterstudium der Bibliothekswissenschaften an der TH-Köln.

B-36036 – Cranach, Lucas d.Ä

Exlibris sind, wenn sie in situ in Büchern vorhanden sind, geeignet, ursprüngliche Besitzstandsverhältnisse der betreffenden Bücher zu eruieren und liefern somit der Provenienzforschung wichtige Ansätze und Hinweise. Gerade in historischen Beständen wissenschaftlicher, aber auch öffentlicher Bibliotheken liegen mitunter mit Exlibris versehene Werke, die bei entsprechender Recherche Aufschluss über die ursprünglichen Besitzer der Bücher geben. So kann die Herkunft der Bücher, mitunter sogar ganzer Sammlungen eruiert werden und damit die Bestandsgeschichte von Institutionen in Teilen nachverfolgen oder ergänzen. Damit ist die Möglichkeit gegeben, zu Unrecht erworbene Bestände, vornehmlich aus der NS-Zeit, zu identifizieren und faire und gerechte Lösungen einzuleiten. 

Das Internationale Exlibris-Zentrum Mönchengladbach (IEZ-MG) wurde 2013 mit der Schenkung der Exlibris-Sammlung des Mönchengladbacher Psychiaters Dr. Gernot Blum gegründet. Durch diese und weitere, in den letzten Jahren hinzugekommene Sammlungen, verfügt das IEZ-MG mittlerweile über einen Fundus von mehr als 220.000 Exlibris, vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis hinein in aktuelle Zeiten. Die Bestände werden seit Beginn des Digitalisierungsprojektes nach den Regeln der Deutschen Forschungsgemeinschaft digitalisiert und große Teile sind seit 2016 in der eigenen Datenbank, dem auf FAUST basierenden Exlibrisportal, unter: https://exlibrisportal.moenchengladbach.de recherchierbar.

Bei Exlibris (lat.: aus den Büchern) handelt es sich um Graphiken, die kurz nach der Erfindung des Buchdrucks mit bewegten Lettern nach Gutenberg aufkamen, und die ursprünglich von Buchbesitzern zur Besitzstandsmarkierung in die eigenen Bücher geklebt wurden. Dabei fanden und finden alle Arten von Drucktechniken Verwendung. So spiegeln die Graphiken neben den technischen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit auch die Kunst und Ästhetik verschiedener Epochen wider. Vom Holzschnitt, Kupferstich und Radierungen bis hin zum Computer Generated Design (CGD) des Hier und Jetzt entstanden so über die Jahrhunderte hinweg hunderttausende von Exlibris, in denen sich Buchbesitzer namentlich verewigt haben.

Diese Tradition, die lange Zeit in erster Linie im Adel und beim Klerus Verwendung fand, wurde in Deutschland zum Ende des 19. Jahrhunderts von der aufstrebenden Bürgerschaft „gekapert“ und aus ihrem sklerotischen Gerüst der visuellen Darstellung befreit, das bis dato in der Hauptsache aus heraldischen Elementen bestand. In der Folge, der sogenannten „Blütezeit“ des deutschen Exlibris, schufen tausende Künstler Graphiken für zehntausende von Bucheignern. Neben den „buchgerechten“ Exlibris, die immer noch in ihrer genuinen Funktion als Bücherzeichen dienten, entstanden hier zahlreiche „Prunkexlibris“, ausufernde, teils großformatige Graphiken, die nur noch dem Namen nach Exlibris sind, jedoch in erster Linie als Tausch- und Sammelobjekte dienten.

Nach einer Phase des Niedergangs in der Zeit der NS-Diktatur wurde die Exlibris-Gemeinde in der Nachkriegszeit wieder größer. Eine große Verbreitung hat das Exlibris heutzutage allerdings nicht mehr, auch wenn weltweit immer noch mehrere tausend Menschen diese Art der Graphiken sammeln und hunderte von Künstlern beständig neue Kreationen für diese Kleinkunst-Sammler erschaffen.

Um als Hilfsmittel bei der Provenienzforschung von Buchbeständen zu dienen, sollten die Exlibris noch in den Büchern eingeklebt sein, denn bereits im späten 19. Jahrhundert wurde das Exlibris zu einem begehrten Sammel- und Tauschartikel. Nicht wenige Bibliophile ließen sich kunstvoll gestaltete Exlibris von namhaften Künstlern anfertigen, die in der Hauptsache dem Tausch mit Gleichgesinnten galten. Von einer erhaltenen Auflage von 50 oder 100 Blättern eines Exlibris wurden dann vielleicht nur eines oder zwei in ausgewählte Bücher geklebt, der Rest wurde vertauscht und diente nie als Bücherzeichen.

B-50668 – Hirzel, Hermann

Von den ca. 125.000 derzeit im Exlibrisportal des IEZ-MG recherchierbaren Graphiken sind aufgrund von entsprechenden Verträgen mit Künstlern oder vorhandener Gemeinfreiheit etwa 28.000 Graphiken mit Abbildungen einsehbar. Die Übrigen müssen über vorhandene Deskriptoren erschlossen werden.

Insgesamt werden bei der Aufnahme neuer Bestände in die Datenbank des IEZ-MG für jede Graphik etwa 20 Metadaten erhoben, die selbst ohne Darstellung der Abbildung im Internet ausreichen, eine Graphik eindeutig zu identifizieren. Ein Beispiel der internen Darstellung der Datenbank, einmal von einem Künstlerverzeichnis und einmal von einem Exlibris ist hier zu sehen: https://malisprojekte.web.th-koeln.de/wordpress/retrodigitalisierung-einer-graphik-sammlung-im-blickpunkt/#more-1399

Bei der Digitalisierung werden neben den universellen, einem jeden Blatt immanenten Informationen eines Exlibris, wie Künstler, Eigner, Drucktechnik oder Maße, auch die individuellen, wie handschriftliche, verso zu findende Informationen aufgenommen. Hier sind mitunter biographische Angaben zu Künstlern, aber auch Eignern vorhanden. Während im öffentlichen Internetauftritt des Exlibrisportals jedes Exlibris, bedingt durch die Begrenztheit der Darstellungsmöglichkeiten des sogenannten E-Servers, unter Nennung von neun verschiedenen Metadaten einsehbar ist, ermöglicht das IEZ-MG auf Anfrage auch Einblick in die vollständige Aufnahme von Teilbeständen, durch Zusendung von Auszügen im PDF Format.

Neben den in den letzten zehn Jahren digitalisierten und in die Datenbank aufgenommen Graphiken umfasst die Datenbank ein umfangreiches Künstlerverzeichnis, in dem etwa 4.000 Künstler, zumeist mitsamt ihren Lebensdaten und der im IEZ-MG vorhandenen, künstlerspezifischen Literatur gelistet sind. Darunter befinden sich zahlreiche sogenannte Opuslisten – Werklisten – in denen das gesamte Oeuvre ihres Exlibrisschaffens vorhanden ist. Diese sind mitunter ebenfalls als Digitalisate einsehbar.

Alle im IEZ-MG lagernden Bestände sind zumeist reversibel auf Trägerbögen aufgezogen und befinden sich nicht in situ. Zur Aufbewahrungssystematik findet sich in den Schriften des Internationalen Exlibris-Zentrums Mönchengladbach in Band 10, „Kurzer Leitfaden zur Aufbewahrung, Struktur und Inventarisierung von Exlibris-Sammlungen“ eine Handreichung zum Thema.

Wichtige Informationen für die eindeutige Zuordnung von Eignern zu ihren Exlibris liefern neben Werksverzeichnissen auch die Vereinsorgane der zahlreichen Exlibris-Vereinigungen, die sich europaweit während des 20. Jahrhunderts gegründet haben. Neben fachspezifischen Texten berichten die Vereine in diesen von ihren Aktivitäten, und neue Mitglieder werden in bestimmten Rubriken samt Beruf und Adresse vorgestellt. Auch werden diese häufig durch die Dokumentation und Vorstellung neuer, für sich geschaffener Exlibris, eindeutig mit diesen in Zusammenhang gebracht.

In den Beständen Das IEZ-MG liegen die Vereinsorgane des 1891 gegründeten Exlibris-Vereins zu Berlin“, später „Deutscher Verein für Exlibris-Kunst und Gebrauchsgraphik“ bzw. ab 1949 „Deutsche Exlibris-Gesellschaft“ vollständig vor:  

  • „Exlibris, Buchkunst und angewandte Graphik“
  • „Exlibris. Zeitschrift für Bücherzeichen-, Bibliothekenkunde und Gelehrtengeschichte

Auch die Periodika der 1907 gegründeten Österreichischen Exlibris-Gesellschaft sind im IEZ-MG vorhanden. Umfangreiches weiteres Schrifttum aus mehr als 30 Ländern, vornehmlich jedoch aus Europa, lagert in den Beständen und muss teilweise noch erschlossen werden.

B-20636 – Büttner, Erich

Standardwerke für die Exlibris-Bestimmung, wie der vierteilige Gutenberg-Katalog von Frau Dr. Schutt-Kehm, der einen großen Teil der Mainzer Exlibris-Sammlung beinhaltet und das von Klaus Witte verfasste, siebenteilige „Illustrierte Monogramm-Lexikon & Bibliographie europäischer Exlibriskünster“ sind ebenso vorhanden wie Manfred Neureiters „Lexikon der Exlibriskünstler“ und Friedrich Warneckes „Die deutschen Bücherzeichen (Ex-Libris) von ihrem Ursprunge bis zur Gegenwart“, aus dem Jahre 1890.Hervorzuheben für die europäische Nachkriegszeit sind in diesem Kontext auch die Arbeiten des Direktors des Frederikshavner Kunstmuseums in Dänemark, Klaus Rödel, der mit den „Exlibristen“ seit über 40 Jahren zahlreiche Schriftenreihen zu zeitgenössischen Künstlern und Eignern publiziert. Darüber hinaus führt er mit seinen regelmäßigen Newslettern der International Federation of Ex-Libris Societies (FISAE) die internationale Exlibris-Gemeinde zusammen.

Das IEZ-MG veröffentlicht mit seiner Reihe „Schriften des Internationalen Exlibris-Zentrums Mönchengladbach“ ebenfalls regelmäßig Publikationen zum Thema. Dabei handelt es sich um Ausstellungen begleitende Kataloge, wie „Das Kind im Exlibris“, „Notre-Dame im Exlibris“ oder „Die Exlibris-Kunst der Ukraine“, aber auch um sogenannte „Exlibrisportraits“ in denen Künstler, Eigner und Themen ausgewählter Exlibris besprochen werden. Das IEZ-MG freut sich auf Anfragen von Interessierten und Forschenden aus aller Welt und ist ebenso daran interessiert, seinen Bestand und Wissensschatz zu erweitern und wie ihn zur Verfügung zu stellen.

 


Weiterführende Literatur zum Thema:

Schriften des Internationalen Exlibris-Zentrums Mönchengladbach, Band 2, Die Exlibris Sammlung Dr. Gernot Blum, Mönchengladbach 2017, 24 S.

Schriften des Internationalen Exlibris-Zentrums Mönchengladbach, Band 8, Ausgewählte Exlibris-Portraits, Mönchengladbach 2020, 32 S.

Schriften des Internationalen Exlibris-Zentrums Mönchengladbach, Band 10, Kurzer Leitfaden zur Aufbewahrung, Struktur und Inventarisierung von Exlibris-Sammlungen, Mönchengladbach 2020, 24 S.

Schriften des Internationalen Exlibris-Zentrums Mönchengladbach, Band 12, Ausgewählte Exlibris-Portraits – Industrie-Exlibris, Mönchengladbach 2021, 68 S.

Theveßen, Daniel, Das Exlibrisportal der Stadtbibliothek Mönchengladbach und die Sammlung Dr. Gernot Blum, in: Bibliotheksdienst 2017; 51(7): 596–607.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Gast (24. Juli 2024). Von Büchern und ihren Besitzern: Exlibris als Quelle für Provenienzforschung. KPF.blog. Abgerufen am 5. September 2026 von https://kpfblog.hypotheses.org/1190


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.