Im Zuge ihres Volontariates hat sich Isabelle Christiani mit außereuropäischen Beständen in den kleinen Museen in Westfalen-Lippe beschäftigt. Wie sich herausgestellt hat, gibt es in den städtischen und vereinsgetragenen Museen eine große Anzahl von Ethnografika und Naturalia, bei denen ein kolonialer Sammlungskontext nicht ausgeschlossen werden kann. Die entstandene digitale Ausstellung stellt Objekte und Akteure aus vier Sammlungen vor und macht dabei auf einen Bestandteil in den Museen aufmerksam, der bisher wenig Beachtung fand. Präsentiert werden Geschichten von wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen, kolonialen Denk- und Handlungsweisen sowie großer Verbundenheit zu Westfalen-Lippe.
Die Frage nach Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten im Museum ist heute aktueller denn je. Die Diskussionen um das Humboldt-Forum in Berlin, Ausstellungen der Benin-Bronzen in Hamburg und Köln, sowie Untersuchungen zu deren Herkunft und den Umständen der Translokation einzelner oder ganzer Konvolute von ethnologischen Objekten, wie in Projekten in Schleswig-Holstein[1] und Niedersachsen[2], versuchen das Thema nicht nur in Forschungskreisen fester zu etablieren, sondern auch dem allgemeinen Publikum zu vermitteln. Das LWL-Museumsamt für Westfalen in Münster zeigt mit einer Ausstellung, dass auch im nordöstlichen Nordrhein-Westfalen außereuropäische Bestände in den Museen zu finden sind.
Es stellt sich außerdem die Frage: Gibt es außerhalb der Metropol-Regionen wie Köln oder Wuppertal Museumsgut, das im Zusammenhang mit kolonialen Entzugskontexten steht?
Provenienzforschung kann hier eine entsprechende Hilfe zur Klärung solcher Fragen darstellen. Die Suche nach der Herkunft eines Objektes ist vor allem bei sogenanntem NS-Raubgut ein gesellschaftliches Thema.
Immer häufiger wird die Frage nach dem Erwerbungskontext auch bei außereuropäischen Sammlungen gestellt. Hier wird insbesondere geprüft, ob die Produkte „im Zusammenhang mit Ausübung von Gewalt und/ oder ausgeprägten Abhängigkeitsverhältnissen“[3] erworben worden oder entstanden sind. Häufig können jedoch auch keine Unrechtskontexte nachgewiesen werden, da die Archivmaterialen und weitere Überlieferungen zu den Erwerbungs- bzw. Entzugsvorgängen fehlen.
Die kleinen Museen in Westfalen-Lippe haben sehr heterogene Sammlungen, in denen sich vielfach auch die einen oder anderen außereuropäischen Bestände finden lassen, welche von einem Bürger aus der Stadt von seinen Reisen in das Museum gebracht worden sind. Diese liegen unbeachtet und unerforscht in den Depots oder in den Vitrinen der Dauerausstellungen, da häufig die Zeit fehlt, sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen und sich in die Thematik einzuarbeiten.
Die Idee der Ausstellung
Auf der Grundlage der ersten Untersuchungen im Projektbericht „Provenienzforschung in NRW. Informationen und Empfehlungen für eine systematische, flächendeckende und nachhaltige Provenienzforschung“[4] des Landschaftsverbandes Rheinland und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe im Jahr 2019 sowie mithilfe der Dokumentationsdaten des LWL-Museumsamtes aus den 1980ern Jahren, die zum Teil von Felicity Jensz und Ute Christina Koch im Rahmen ihres Beitrages zu der Tagung „Nordrhein-Westfalen und der Imperialismus“[5] ausgewertet worden sind, entsteht derzeit eine digitale Ausstellung, die Gegenstände zeigt, die beispielhaft für den heterogenen Museumsbestand in Westfalen-Lippe stehen. Mit dem Ziel, das Thema sichtbar zu machen und die weitere Erforschung der Ethnografika zu bewerben, stellt die Ausstellung die gezeigten Kulturgüter auf der Dokumentationsplattform museum-digital online zur Verfügung. Sie leistet damit einen Beitrag zur grundsätzlichen Erforschung der außereuropäischen Sammlungen und ihrer Entstehungsgeschichte(n).
Die geplante Ausstellung wird mittels frei zugänglicher und kostenlos nutzbarer Ausstellungswerkzeuge von museum-digital entwickelt: den sogenannten Themator und md/story. Ein gutes Anschauungsbeispiel für die Nutzung von md/story ist die digitale Ausstellung „Kanope, Krokodil und Königsstuhl: Globale Geschichten in brandenburgischen Museen“.
Die Ausstellung
Es werden einige beispielhafte Bestände von außereuropäischem Sammlungsgut in Westfalen-Lippe vorgestellt. Gezeigt werden Dinge, die im Zusammenhang mit der Arbeit und den Reisen von Kapitänen wie Hermann Cordier aus Menden, Dietrich Görke aus Iserlohn oder Erich Schwarzbürger, den Soldaten August Ludwig aus Hagen und Heinrich Golücke aus Detmold, den Plantagenarbeitern Ernst und Johannes Neubourg aus Lemgo sowie dem Kolonialbeamten Ernst Goormann aus Lünen in die Museen in Westfalen-Lippe gelangten. Die einen brachten aus den Häfen, in denen sie auf ihren Reisen hielten, „Souvenire“ mit nach Westfalen-Lippe. Andere ließen sich ihre Mitbringsel extra anfertigen, um diese Zuhause stolz im Wohnzimmer auszustellen. Die nächsten kamen an ihre Sammlungsbestände, indem sie diese bei längeren Aufenthalten im jeweiligen Land gezielt auf Märkten, in Dörfern oder bei Jagdausflügen erwarben, mitnahmen oder als „Geschenk“ bzw. „Trophäe“ erhielten.
Die ausgesuchten Stücke stammen aus China, Japan, Sumatra, ehemals „Deutsch-Ostafrika“, Mexiko und Haiti, von unterschiedlichen Ethnien und verschiedenen Sammlungs- sowie Herstellungskontexten. Es werden präparierte Jagdtrophäen genauso gezeigt, wie ehemalige Ritualobjekte oder für den europäischen Markt bzw. die europäischen Tourist*innen angefertigtes Kunsthandwerk.
Die vorgestellten Personen stehen stellvertretend für Menschen, die aus Westfalen-Lippe in die Kolonien kamen und als Andenken an ihre Zeit im Ausland die heutigen musealen Gegenstände zu ihren Familien oder direkt ins heimische Museum (ver)brachten. Dort wurden sie bewahrt und ausgestellt als Relikt einer Zeit in einem ihnen fremden Land. Die Stücke wurden aber zugleich als „Kuriositäten“ und „Exotica“ aus „fernen Ländern“ gezeigt und betrachtet, die von „Söhnen der Heimat“ als Manifestation bzw. Untermauerung der Überlegenheit der Deutschen gegenüber anderen Völkern mitgebracht worden waren. Als Kuriositäten wurden häufig ausgestopfte bzw. präparierte Tiere ausgestellt, die als „Reisemitbringsel“ im 19. Jahrhundert sehr beliebt gewesen sind.[6]
Ein Beispiel: Das Stadtmuseum Iserlohn
Die Objektauswahl der Ausstellung beschränkt sich nicht nur auf solches Sammlungsgut, das explizit während der Zeit des deutschen Kolonialismus (1884-1918) nach Westfalen kamen. Es werden auch Produkte vorgestellt, die aus anderen europäischen Kolonien oder aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in das jeweilige Museum kamen. Ein Beispiel dafür ist der haitianische „Trommler“, der in den 1960ern mit dem Schiff MS Iserlohn nach Deutschland kam und die Vorstellung des Exotischen aus der Zeit des Kolonialismus fortsetzt.
Es handelt sich um eine kleine, rund 59 cm hohe vollplastische Figur, die einen kleinen Trommler in Aktion darstellt. Er trägt eine Inschrift auf einem Messingschild am Sockel, welche Auskunft darüber gibt, wer die Skulptur nach Iserlohn gebracht hat: „Trommler aus Haiti überreicht von Kapitän Schwarzbürger vom Dampfer ,Iserlohn‘ anlässlich seines Besuches in Iserlohn Oktober 1960“.
Trommler, Stadtmuseum Iserlohn, Schenkung von Kapitän Schwarzbürger 1960, Haiti | Stadtmuseum Iserlohn, Isabelle Christiani (LWL-Museumsamt)
Wie genau der Trommler aus Haiti in den Besitz des Kapitäns der MS Iserlohn und seiner Mannschaft gekommen ist, lässt sich nicht mehr klären. Dennoch scheint es aufgrund der Herstellungs- und der Erwerbungszeit nach aktuellem Forschungsstand nicht erkennbar, dass die Holzskulptur im Zusammenhang mit gewaltvollen Handlungen oder weiteren Unrechtskontexten von Kapitän Schwarzbürger oder seiner Mannschaft erworben wurde. Wahrscheinlicher ist es, dass die Seeleute die Holzskulptur bei Kunsthandwerkern oder in einem Souvenirladen in Haiti gekauft haben.
Auch eine Sammlung von kunstgewerblichen Kulturgütern aus China und Japan des Kapitänleutnants a. D. Dietrich Görke, die dessen Frau im Jahr 1971 dem Museum der Stadt Iserlohn schenkte, befindet sich heute in den Beständen des Stadtmuseums Iserlohn. Sie umfasst rund 30 Gegenstände und enthält u.a. eine Seidenstickerei, die einen gekrönten Anker auf blauer Seide mit Reichsadler und einem Schiff zeigt. Der Adler ist umringt von sechs Fahnen, die für folgende sechs Nationen stehen: das Deutsche Kaiserreich (mit der Kriegsflagge), die USA, China, Japan, Großbritannien (mit dem White Ensign: die offizielle Flagge der Royal Navy seit 1864) und Frankreich. Beschriftet ist das Bild mit den Worten: „Zur Erinnerung an meine Reise, Japan – China, 1898 – 1900, vom Fels – zum Meer, S.M.S. Kaiserin Augusta“. Im unteren Teil findet sich umrankt von einem Lorbeerkranz eine Stickerei eines Schiffes mit der Kriegsflagge des Deutschen Kaiserreiches am Heck mit dem Namen „S.M.S. Kaiserin Augusta“. Das Schiff war Teil des ostasiatischen Kreuzergeschwaders und wurde während des Boxerkrieges in China eingesetzt.
Ein solches Souvenir ist kein Einzelfall. So brachten beispielsweise Soldaten als Erinnerung an ihre Dienstzeit in der deutschen Kolonie Kiautschou[7] Seidenstickbilder mit, die Anfang des 20. Jahrhunderts reichlich produziert und in den ostasiatischen Häfen verkauft worden sind.
In Westfalen-Lippe sind sie heute beispielsweise im LWL-Freilichtmuseum Detmold und im Stadtmuseum Hagen zu finden.[8]
Die Seidenstickerei wurde damals in Massen produziert und war ein beliebtes Mitbringsel aus den Häfen, die man während der Zeit in der Marine besuchte. Die eigentlich japanische Spezialität war zum Großteil vorgefertigt und wurde von japanischen Handelstreibenden in den chinesischen Häfen an die Ausländer*innen verkauft. Nur der Name des Soldaten, des Schiffes und das Bild der jeweiligen Person mussten noch eingefügt werden. Dafür siedelten sich z.B. auch Fotostudios in den Häfen an.
Auch wenn den konkreten Objekten bislang keine gewaltsame oder unrechtmäßige Aneignung nachgewiesen werden konnte, so sind sie doch im Zusammenhang mit deutschem und europäischem Kolonialismus zu sehen. Gerade die Schifffahrt ist eng mit der Kolonialpolitik verknüpft – ohne sie wäre die Ausweitung europäischer Macht- und Wirtschaftsinteressen nicht möglich gewesen. Auch harmlos erscheinende „exotische“ Erinnerungsstücke sollten neu befragt werden und in einen neuen Kontext gesetzt werden. So zeigt selbst dieser kleine Blick in die Sammlung des Stadtmuseums Iserlohn, dass sich, egal wie groß oder klein die Stadt oder auch das Museum sein mag, durchaus Sammlungsbestände mit kolonialen Bezügen bzw. Kontexten finden können.
Die digitale Ausstellung möchte die Museen dazu anregen, die Sammlungen und ihre Entstehungsgeschichte zu untersuchen.
Über die Autorin:
Isabelle Christiani ist seit 2021 Wissenschaftliche Volontärin beim LWL-Museumsamt in Münster und der KPF.NRW.
Sie studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Dresden und Paris, sowie im Masterstudiengang „Sammlungen-Provenienz-Kulturelles Erbe“ in Würzburg. Danach war sie als wissenschaftliche Assistenz in der kunstwissenschaftlichen Bibliothek des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris angestellt.
Den Artikel können Sie hier herunterladen:
Isabelle Christiani (2022): Koloniale Kontexte? – Die Frage nach der Herkunft von außereuropäischen Objekten in den Museen von Westfalen-Lippe:
KPFblog_Isabelle-Christiani_Koloniale-Kontexte_19-07-2022
[1] Internetseite zum Projekt: https://www.sh-welt.de/das-projekt/ (01. Juni 2022).
[2] Internetseite zum Projekt: https://www.postcolonial-provenance-research.com/ (01. Juni 2022).
[3] Deutscher Museumsbund e. V., Leitfaden Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, Berlin 2021, S. 4 (auch online: https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2021/03/mb-leitfanden-web-210228-02.pdf, 12. Juli 2022).
[4] Zum Projektbericht: https://www.lvr.de/de/nav_main/kultur/berdasdezernat_1/frderungen/museumsberatung/provenienzforschung/projektbericht_und_arbeitshilfen/inhaltsseite_181.jsp (01. Juni 2022).
[5] Zu der Tagung soll ein Tagungsband erscheinen. Weitere Informationen zur Tagung: Internetseite FernUniversität Hagen: https://www.fernuni-hagen.de/geschichte/lg3/forschung/tagungen/nrw-und-imperialismus.shtml (12. Juli 2022).
[6] Vgl. Jensz, Felicity: „Kurze Anweisung Naturalien zu samlen“ – Ein historischer Blick auf die Sammlungstätigkeit protestantischer Missionare, in: LVR-Fachbereich Regionale Kulturarbeit/ Museumsberatung Köln, LWL-Museumsamt für Westfalen Münster (Hrsg.): Missionsgeschichtliche Sammlungen heute. Beiträge einer Tagung, Siegburg 2017, S.23
[7] Kiautschou: Ein Gebiet an der chinesischen Ostküste mit seiner Hauptstadt Qingdao. Das Gebiet an der Kiautschou-Bucht war von 1898 bis 1914 formal ein Pachtgebiet des Deutschen Kaiserreiches und Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine. Mehr zur Kolonie: https://artsandculture.google.com/story/oAWRgDWbYhgA8A (12. Juli 2022).
[8] Die beiden Seidenstickbilder sind auf den folgenden Internetseiten zu finden: auf der Homepage des LWL-Freilichtmuseum Detmold: https://www.lwl-freilichtmuseum-detmold.de/de/museum-digital/50-jahre-50-objekte/ und der Seite vom Stadtmuseum Hagen bei museum-digital: https://westfalen.museum-digital.de/object/5829 (12. Juli 2022).
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
KPF.NRW (19. Juli 2022). Koloniale Kontexte? – Die Frage nach der Herkunft von außereuropäischen Objekten in den Museen von Westfalen-Lippe. KPF.blog. Abgerufen am 5. September 2026 von https://kpfblog.hypotheses.org/804